Kalligrafie – die Kunst des Schreibens

Calligraphy – the art of writing

Eine geschätzte koreanische Kunstform, die die Emotionen der Künstler vermittelt und zugleich die Stärke, Reinheit und Beständigkeit dieser alten Tradition veranschaulicht.


<Die Ausübung der Kalligrafie mit den „vier Freunden“: Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein.>

Schriftzeichen werden zu Kunst

In Asien symbolisiert das Überreichen eines eigenhändig geschaffenen kalligrafischen Werks an eine andere Person den großen Respekt, den der Künstler dieser Person entgegenbringt, und gilt als wahres Geschenk des Herzens. Denn in asiatischen Kulturen ist Kalligrafie nicht lediglich eine technische Übung im Schönschreiben, sondern ein Akt der Schulung und Disziplinierung des Geistes. Die östliche Kalligrafie, eine visuelle Kunstform, bei der Schrift mit dem Pinsel gestaltet und ausgeführt wird, unterscheidet sich von ihrem westlichen Gegenstück. Während auch die westliche Kalligrafie Buchstaben als Gegenstände ästhetischer Schönheit betrachtet, konzentriert sie sich stärker darauf, Buchstaben klar und schön auf Papier zu formen – ein rein künstlerisches Unterfangen. Die Kalligrafie verschiedener östlicher Länder, darunter Korea, ist hingegen eine bedeutungsvolle, erlesene Kunstform, die die Formen und Bedeutungen der Schriftzeichen nutzt, um die Emotionen des Kalligrafen auszudrücken. Deshalb offenbaren alle asiatischen Kalligrafiewerke deutlich die Persönlichkeit der Künstler, die sie geschaffen haben. Und angesichts der vielen Jahre der Übung, die erforderlich sind, um diese Kunstform zu vervollkommnen, ist Kalligrafie in Asien weit mehr als nur eine technische Übung – sie ist eine Form geistiger Schulung und wird daher „der Weg des Wortes“ genannt.


<Teilnehmende in traditionellem koreanischem Hanbok schreiben Antworten bei einer Nachstellung der Staatsprüfung aus der Joseon-Dynastie.>

Die „vier Freunde“ jeder kalligrafischen Praxis: Papier, Pinsel, Tusche, Reibstein

Für die Ausübung der Kalligrafie werden vier Hauptwerkzeuge benötigt: Papier, Pinsel, Tusche und Reibstein. Diese „vier Freunde“, auf Koreanisch „Munbangsawoo“, waren in den Arbeitszimmern vormoderner koreanischer Häuser alltägliche Gegenstände. Das Papier für Kalligrafie muss traditionelles Hanji (koreanisches Maulbeerpapier) sein, das sich besonders gut eignet, Tusche aufzunehmen und ihre Farbnuancen wiederzugeben. Der Pinsel muss gerade sein und eine scharf zulaufende Spitze aus Tierhaaren gleicher Länge besitzen. Nach dem Gebrauch muss der Pinsel gereinigt werden, bevor er aufbewahrt wird. Die Tusche wird hergestellt, indem Ruß verbrannter Bäume mit Leim vermischt wird. Die Partikel einer hochwertigen Tusche sind äußerst fein und fest. Der Reibstein, auf dem die Tusche angerieben wird, muss aus einem festen Stein bestehen, der kein Wasser aufnimmt, oder aus Jade. Neben diesen vier Werkzeugen werden für die Kalligrafie weitere Gegenstände benötigt, darunter der Yeonjeok (ein Gefäß für das Wasser, das zum Anreiben der Tusche benötigt wird), Boot Tong (ein Behälter zur Aufbewahrung von Pinseln), Munjin (lange, flache Papiergewichte) und Pilse (eine Schale zum Waschen des Pinsels).


<Munbangsawoo aus der Joseon-Dynastie, ausgestellt im Busan Museum.>

Kalligrafie: mit den Augen genossen und ins Herz eingraviert

Kalligrafie bringt die strukturelle Schönheit chinesischer (oder koreanischer) Schriftzeichen mit Pinsel und schwarzer Tusche auf weißem Papier zum Ausdruck. Die Ästhetik jedes kalligrafischen Werks hängt von seiner Komposition ab: etwa vom Gleichgewicht und den Proportionen von Punkten und Linien – groß oder klein, lang oder kurz – sowie von der Anordnung des leeren Raums. Je nach Rhythmus und Fluss der Schrift – stark oder schwach, schnell oder langsam – entsteht zudem eine Schönheit der Bewegung. Diese Bewegung und die daraus hervorgehenden unterschiedlichen Schwarztöne drücken die Stimmung des Kalligrafen aus. All diese Aspekte zusammen – die durch die Farbe der Tusche geschaffene Ästhetik des Raums, die Platzierung der Schriftzeichen und die Erhabenheit der Bewegung der geschriebenen Zeichen – lassen die Persönlichkeit des Kalligrafen durch das Werk hindurchscheinen. Kalligrafiekünstler bringen in ihren Werken meist klassische Zitate oder Segenswünsche zum Ausdruck und gravieren die Worte im Schaffensprozess nicht nur auf das Papier, sondern auch in ihr Herz.


<Kalligrafiearbeiten von Kim Jeong Hui (1786–1856), einem Kalligrafen der Joseon-Dynastie, der als der bedeutendste der koreanischen Geschichte gilt.>

<Sehando (Winterlandschaft), Kim Jeong-hui, 1844, Nationalschatz
Kim Jeong-hui (1786–1856), einer der führenden Gelehrten und Meister der Kalligrafie der späten Joseon-Dynastie, malte dieses Werk als Zeichen der Dankbarkeit für seinen Schüler Yi Sang-jeok, der selbst während Kims Leben im Exil weiterhin Bücher aus Peking beschaffte und ihm zusandte.
Der Titel Sehan bezieht sich auf eine Passage aus den Gesprächen des Konfuzius. So wie das beständige Grün von Kiefer und Zypresse erst nach Einbruch der Kälte sichtbar wird, offenbaren sich die Integrität und Standhaftigkeit eines Menschen erst in Zeiten der Not wirklich.
Die Komposition ist bemerkenswert zurückhaltend: Ein einzelnes Haus steht im Zentrum, flankiert von Bäumen und umgeben von weitem leerem Raum. Durch äußerste Einfachheit und Auslassung, trockene Pinselführung und subtile Variationen der Tusche ruft Kim die strenge Reinheit des Winters hervor. Sehando gilt als Meisterwerk der koreanischen Literatenmalerei.>

Die schlichte, aber kraftvolle Schönheit der Hangeul-Kalligrafie

Im Gegensatz zur Kalligrafie chinesischer Schriftzeichen, die über eine Vielzahl von Schriftstilen verfügt, die sich über mehrere Jahrtausende hinweg entwickelt haben, ist die Hangeul- (koreanische) Kalligrafie erst etwa 500 Jahre alt. Trotz ihrer vergleichsweise kurzen Geschichte wird die Hangeul-Kalligrafie von vielen Kalligrafiebegeisterten wegen ihrer schlichten und zurückhaltenden Schönheit sowie ihrer unerwarteten Kraft geschätzt. Die Hangeul-Kalligrafie entwickelt sich stetig weiter, mit immer mehr Versuchen, neue Schriften und Schreibstile zu schaffen. In Korea gibt es viele Orte, die Kalligrafiekurse für Ausländer anbieten, darunter das Namsan Hanok Village. Diese Kurse stehen allen offen, die sich für das Erlernen der Kalligrafie interessieren; tatsächlich werden sie häufig von Mitgliedern ausländischer Botschaften und in Korea tätiger Unternehmen besucht. Darüber hinaus finden jedes Jahr verschiedene Kalligrafiewettbewerbe speziell für Ausländer statt.


<Das erste gedruckte Exemplar eines Liedes, das von König Sejong dem Großen, dem Erfinder des Hangeul, komponiert wurde.>

* Fotos mit freundlicher Genehmigung des National Museum of Korea, der Korea Tourism Organization und der Cultural Heritage Administration of Korea.