Diese ausdrucksstark gefertigten Tonfiguren von Menschen und Tieren sind beeindruckende Sinnbilder der vielschichtigen Glaubenswelt der alten Koreaner.

<Eine Ton-Teekanne in Form von Pferd und Reiter, gefunden im Geumryongchong-Grab aus dem Silla-Reich, 6. Jahrhundert.>

<Ein Foto, das zeigt, wie die Teekanne vermutlich verwendet wurde.>
Tou, die Frucht des Wunsches, auch nach dem Tod weiterzuleben
Menschliches Verlangen kennt kein Ende. Je mehr es gestillt wird, desto stärker wächst es. Ein extremes Beispiel für ein solches menschliches Verlangen ist die Praxis, Lebende gemeinsam mit den Toten zu bestatten (auf Koreanisch „Sunjang“ genannt). Aus dem Wunsch heraus, den zu Lebzeiten genossenen materiellen Wohlstand mit ins Jenseits zu nehmen, wurden nicht nur persönliche Besitztümer und Pferde, sondern sogar die dem Verstorbenen am nächsten stehenden Menschen mitgegeben. Die Praxis des Sunjang findet sich in vielen Regionen der Welt. In Korea war sie bis in die Zeit der Drei Königreiche (57 v. Chr.–668 n. Chr.) weit verbreitet; in Gräbern der Gaya- und Silla-Reiche wurden häufig menschliche Überreste und Grabbeigaben gefunden.

<Das Grab von König Michu am Stadtrand von Gyeongju, ein Hügelgrab in Hwangnam-ri, war der Fundort zahlreicher Tou und mit Tou verzierter Tonwaren, die 1926 entdeckt wurden.>
Mit der Weiterentwicklung der Zivilisation und einem wachsenden ethischen Bewusstsein ging die Praxis des Sunjang allmählich zurück und wurde schließlich abgeschafft. Mit ihrer Abschaffung wurden die gemeinsam mit den Verstorbenen bestatteten Menschen und Tiere durch Ersatzfiguren ersetzt. Die Menschen von Silla fertigten diese Figuren aus Ton (auf Koreanisch „Tou“ genannt). Das Wort „Tou“ bedeutet wörtlich „Puppe aus Ton“. Tou wurden nicht nur als menschliche Figuren gefertigt, sondern auch in Form verschiedener Tiere, Alltagsgegenstände und Häuser. Solche Figurinen sind sowohl in westlichen als auch in östlichen Kulturen verbreitet und erfüllen ähnliche Zwecke und Funktionen; im Osten war ihre Verwendung für schamanische oder beschwörende Rituale sowie als Grabbeigaben besonders bedeutsam.

<Eine Vielfalt von Tonpuppen aus Silla.>
Eine 1.500 Jahre alte Momentaufnahme aus Ton: Leben, Tod und Sexualität der Menschen von Silla
Ein besonderes Merkmal der Tou aus Silla ist, dass männliche und weibliche Geschlechtsorgane bewusst übergroß dargestellt wurden; auch sexuelle Handlungen zwischen Männern und Frauen werden unverhohlen abgebildet. Zugleich ist das Spektrum der Motive recht breit und umfasst Tiere wie Schildkröten, Enten, Pferde, Frösche und Schlangen. Jede Tou wirkt wie eine Momentaufnahme des Alltagslebens und der Hoffnungen der Menschen von Silla – eine, die 1.500 Jahre überdauert hat und heute zu uns spricht.

<Eine Tonpuppe, bei der das männliche Geschlechtsorgan humorvoll hervorgehoben wurde (links), und eine Tonpuppe aus Silla mit einer gebärenden Frau (rechts).>
Der Grund für die vergrößerte Darstellung männlicher und weiblicher Geschlechtsorgane liegt in der Hoffnung auf Fruchtbarkeit und Fülle. In antiken Gesellschaften stand Sexualität für Fortpflanzung. Der Brauch, dass ein Mann und eine Frau einander körperlich auf einem frisch mit Gerstensamen bestellten Feld begegneten, hielt sich bis weit ins 19. Jahrhundert. Er beruhte auf der gemeinsamen Hoffnung auf eine reiche Ernte. Aus demselben Grund wurden auch Brüste, Gesäß oder schwangere Bäuche weiblicher Tou betont.

<Tonpuppen mit Darstellungen sexueller Aktivität (links) und einer Geburt (rechts).>
Schlange und Frosch waren Symbole der Erneuerung und eines langen, kraftvollen Lebens. Mit anderen Worten: Sie symbolisierten ewiges Leben. So wie die Schlange ihre Haut abstreift und danach gleichsam wiedergeboren wird, wünschten sich die Menschen, die „Pflicht“ des Sterbens abstreifen und ewiges Leben genießen zu können. Der Frosch wurde nach derselben Logik gedeutet. Da er nach einem langen Winterschlaf erwacht, glaubte man, er werde nach dem Durchlaufen eines Todesprozesses in der Winterstarre wiedergeboren.

<Ein Tondeckel eines Gefäßes, verziert mit Tonfiguren von Schlange, Schildkröte, Frosch und Fisch.>
In der östlichen Tradition gilt die Schildkröte als heiliges Tier und Sinnbild der Langlebigkeit. Sie verkörpert die Hoffnung auf ewiges Leben, die sowohl die Menschen in der diesseitigen Welt als auch im Jenseits teilen. Im Osten wirkt die Schildkröte, ebenso gelegentlich der Vogel oder die Ente, als Vermittlerin zwischen den Menschen und den Göttern. Die alten Koreaner glaubten, dass zwischen diesem Leben und dem Jenseits ein breiter Fluss liege. Die Toten mussten diesen Fluss überqueren, um ins Jenseits zu gelangen. Tou in Form von Vögeln und Enten wurden geschaffen, weil ihnen die wichtige Aufgabe zugeschrieben wurde, die Menschen von dieser Welt in die nächste zu tragen.

<Eine Enten-Tonpuppe aus Silla im Nationalmuseum von Korea.>
Es gibt viele Arten von Tou, die Erneuerung und Fülle im Jenseits symbolisieren. Die Menschen von Silla wollten zahlreiche Nachkommen hinterlassen, ewig leben wie Schlange und Frosch und sicher auf dem Rücken der Ente den Fluss ins Jenseits überqueren. Auf diese Weise sind Tou von zentraler Bedeutung, um das Weltbild der Menschen von Silla und ihre Philosophie von Leben und Tod zu verstehen. Zudem sind die realistischen Erscheinungsformen der Tou unschätzbare Quellen für das Verständnis von Lebensweise und Gesellschaft der Menschen von Silla.
Die kühne und lebendige Schönheit der Tonpuppen aus Silla
Tonpuppen aus Silla zeichnen sich durch das Fehlen feiner Details aus; ihre stark vereinfachte Erscheinung lässt sie wirken, als seien sie mit einer einzigen Handbewegung geformt worden. Obwohl sie herkömmliche Proportionsregeln missachten und häufig Details vermissen lassen, werden bestimmte Partien kraftvoll hervorgehoben, um auf ihre symbolische Bedeutung hinzuweisen. Diese Partien verraten, was die Menschen von Silla als wichtig erachteten – wie sich an den sexuellen Handlungen zwischen Männern und Frauen und an den Darstellungen der Geschlechtsorgane erkennen lässt. Der Wunsch dieser agrarisch geprägten Gesellschaft nach dem Gedeihen der Nachkommenschaft und reichen Ernten tritt deutlich hervor.

<Ein aus einem Silla-Grab ausgegrabenes Tongefäß ist mit zahlreichen Tonfiguren geschmückt, darunter Tiere und Menschen bei sexuellen Handlungen.>
Viele Tou aus Silla, selbst jene mit traurigem Gesichtsausdruck, wurden geschaffen, um eher Lachen als Trauer hervorzurufen. Bedenkt man, dass Tou ursprünglich als Grabobjekte für Verstorbene gefertigt wurden, zeigt sich darin der koreanische kulturelle Wunsch, selbst Tod und Schmerz mit Humor zu überwinden. Die Tou aus Silla lehnen alle künstlichen Ausdrucksformen und idealisierten Darstellungen des Alltags ab und sind rohe, zugleich aufrichtige Darstellungen menschlicher Instinkte und Gefühle.

<Ein lächelnder älterer Mann und eine Frau, die um die Toten trauert.>
* Fotos mit freundlicher Genehmigung des Nationalmuseums von Korea und der Kulturerbeverwaltung Koreas.